Gipshütte

Bis in das erste Drittel des 19. Jahrhunderts gab es neben dem bäuerlichen Handwerk in Westeregeln auch die Gips- und Kalkbrennereien. Reste eines Gipsbrandofens auf dem Gelände der Alten Ziegelei Westeregeln verweisen auf diesen Industriezweig. Auch die Förderung und Verarbeitung von Kohle (ab 1836) und Salz (ab 1870) bestimmen die Entwicklung des Bördeortes Westeregeln.

Bereits im Jahre 1776 ist Gottfried Samuel Bergling als Besitzer einer Gipshütte am Kalkberg nachgewiesen. Im Jahre 1938 wurde Hermann Lucas Wiegleb als Besitzer der Ziegelei und Gipshütten Westeregeln benannt, und im Jahre 1863 verpachtete Wiegleb die Ziegelei an Zapf/Krüger. 1864 baute August Samuel Bergling einen zweiten Gipsofen. Der letzte Besitzer, Karl Bergling, Sohn des August Bergling, führte die Ziegelei bis zum 4. Februar 1949. Dann wurde er enteignet.

Die aufgefundenen Dokumente belegen, dass man in kleinen Gruben begann, Gips zu gewinnen und zu brennen, um einen Baustoff mit wertvollen Eigenschaften zu erhalten.

Dieser Abbau war einer der ersten wirkungsvollen Impulse für die wirtschaftliche Entwicklung des Standortes Westeregeln. Bereits die Geologen des 19. Jahrhunderts erkannten in diesem Gebiet den obersten Teil der wichtigsten geologischen Struktur des Landstrichs, den Staßfurt-Egeln-Oscherslebener Salzsattel. Diese geologische Struktur bedingt das relativ enge Nebeneinanderliegen von sehr unterschiedlichen Bodenschätzen wie Salz, Gips, Ton, Braunkohle, Kiese und Sande.

Die Geschichte des Bindebaustoffs Gips lässt sich bis in das 9. Jahrtausend vor Christus zurückverfolgen. Durch die Expansion des römischen Weltreiches verbreitete sich die Kenntnis um die Herstellung und Verwendung von Gips in ganz Europa.

Nach einer Phase des Vergessens wurde der Bindebaustoff im Mittelalter neu entdeckt und erreichte seine vorläufige Blütezeit während der Zeit des Barocks und Rokokos durch die Erfindung des Stuckmarmors. Gips wurde bevorzugt in Mörteln und Estrichen eingesetzt, wobei der Innenbereich vor dem Außenbereich dominierte.
Über die Römer gelangte das Wissen um den Gips auch nach Mittel- und Nordeuropa. Insbesondere die im Fränkischen Reich lebenden Merowinger beherrschten die Herstellung und Verarbeitung von Gips.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts unterschied man bereits zwischen Halbhydrat (CaSO4 1/2H2O) und Anhydrit (CaSO4) und wusste um die Abhängigkeit der Verarbeitbarkeit von der Herstellungstemperatur. Im 20. Jahrhundert erlangte der Gips zunehmende Bedeutung durch die Entwicklung von vorgefertigten Elementen, beginnend mit der Gipsdiele bis zu den heutigen Gipskartonplatten und Gipswandbauplatten.

Nota bene:

Der Name „Kalkberg“ für den Standort der Alten Ziegelei Westeregeln ist irreführend, weil es hier keinen Kalk gibt. Offenbar hielt man früher den chemischen Unterschied zwischen Kalk (Kalziumkarbonat) und Gips (Kalziumsulfat mit Kristallwasser) für nicht wesentlich; lediglich die gleiche Verwendung beider Minerale nach einem Brennprozess als Mörtel war ausschlaggebend.

Kalk lässt leicht durch den Säuretest nachweisen: Man gibt einen Tropfen verdünnte Salzsäure auf ein zu prüfendes Gestein. Braust es auf und Kohlensäure entweicht, so ist es Kalk (Karbonat) und kein Gips (Sulfat).