Alte Ziegelei Westeregeln

Bau- und Industriedenkmal, Gipshütte, Geotop, Biotop und archäologische Grabungsstätte

Die Alte Ziegelei Westeregeln mit ihrer Gipshütte liegt im Salzlandkreis in Sachsen-Anhalt, in der Nähe von Staßfurt am nordwestlichen Ortsrand von Westeregeln. Die Sozial-Aktien-Gesellschaft Bielefeld schafft hier in Zusammenarbeit mit dem Verein der Freunde und Förderer der Ziegelei und Gipshütten Westeregeln e.V., mit Unterstützung der Gemeinde Westeregeln, der Agentur für Arbeit in Staßfurt und durch die Hilfe von privaten Förderern seit Mitte der 1990er Jahre die Möglichkeit, ein industriekulturelles Erbe zu schützen, zu erhalten und wissenschaftlich zu erforschen. Darüber hinaus hat dieser Standort in vielfacher Weise eine große wissenschaftliche Bedeutung.

Seit altersher wurde in den Steinbrüchen auf dem Westeregelner Kalkberg Gips gewonnen und gebrannt. Im Jahre 1803 kam eine Ziegelei hinzu, die als Rohstoff Schluffstein des Unteren Buntsandsteins verarbeitete.
Die auflässigen Gipsbrüche und Tongruben stellen heute einen interessanten Geotop und zugleich einen der natürlichen Sukzession überlassenen Trocken- und Feuchtbiotop dar, welcher wegen der Besonderheiten der geologischen Lagerungsverhältnisse und der Gesteinsausbildung für Lehre und Forschung überregionale Bedeutung hat. In Verbindung mit der weitgehend erhaltenen Ziegelei aus dem späten 19. Jahrhundert und den Resten einer Gipshütte mit mehreren Öfen zum Brennen von Gips ergibt sich ein interessantes Industrieareal inmitten einer wiedererstandenen vielfältigen Natur.

 

Den in früheren Jahrhunderten in Westeregeln lebenden Menschen waren die unter einer dünnen Bodendecke anstehenden Gipsfelsen bereits bekannt. Man begann schon früh, in kleinen Gruben Gips zu gewinnen und zu brennen, um dadurch einen Baustoff mit wertvollen Eigenschaften zu erhalten. Dieser Abbau war einer der ersten wirkungsvollen Impulse für eine wirtschaftliche Entwicklung des Standortes Westeregeln. Bereits die Geologen des 19. Jahrhunderts erkannten in dieser Geländehöhe den oberen Teil der wichtigsten geologischen Struktur dieses Gebietes, den Staßfurt-Egelner-Oscherslebener Salzsattel. Aber nicht nur geologisch wertvolle Funde erstaunen die Wissenschaftler immer wieder, sondern auch paläontologische Überreste sind bis heute von besonderer wissenschaftlicher Bedeutung. So wurden Überreste einer reichhaltigen vor- und nacheiszeitlichen Säugetierfauna wie Mammut, Wollnashorn, Moschusochsen, Rentier, Wildpferd und vieles mehr freigelegt, die einen Eckpfeiler in der wissenschaftlichen Erforschung bis in die heutige Zeit darstellen. Auch in unseren Tagen kommen bei Grabungsarbeiten an den alten Gipsbrüchen Wirbeltierreste zum Vorschein. Neueste Forschungen werden sich dem Thema „Hyänenhorte in Westeregeln“ widmen.

Mit dem verstärkten Gipsabbau, der bis in das 20. Jahrhundert reichte, setzte auch der Abbau von Ton ein, der seit Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Anfang der 1990er Jahre in der Alten Ziegelei Westeregeln gebrannt wurde.

 

Diese Zeugnisse des menschlichen Lebens aus vergangener Zeit sollen für die Zukunft erhalten werden. Technische, archäologische, geologische Besonderheiten und die seltene Flora und Fauna des in den vergangenen Jahren entstandenen Biotops sollen der Öffentlichkeit durch Besichtigungsmöglichkeiten zugänglich gemacht werden. Mit der Schaffung einer musealen Einrichtung wird seit Jahren auch die Integration von Problemen der heutigen Zeit, die Überwindung der Benachteiligung von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern sowie anderen benachteiligten Menschen gemildert.

 

Der Komplex der künftigen musealen Nutzung gliedert sich in die Tongrube mit bemerkenswerten geologischen Aufschlüssen und einem Biotop, die Grubenanlage mit einem 600 Meter langen Schmalspurnetz (derzeit im weiteren Ausbau), mit Kipploren und Diesellok, der Tonaufbereitungsanlage mit Kastenbeschicker, Kollergang, Doppelwellenmischer, Schlickeysensche Strangpresse, dem elektrisch betriebenen Kreistransporteur mit einer 600 Meter langen Endloskette, dem gestreckten Hoffmann’schen Ringofen aus der Zeit um 1890, der 1936 auf 28 Kammern und eine Brennkanallänge von ca. 120 Meter erweitert wurde, der großen Trocknungsanlage und dem hohen Schornstein. Die Komplexität schließt die vorhandenen Gipshütten im Umfeld der Ziegeleianlage ein.

 

Es ist das Anliegen der Sozial-Aktien-Gesellschaft Bielefeld, den Standort der Alten Ziegelei Westeregeln zu erhalten und zu einem attraktiven Museumsbetrieb zu entwickeln.

Bis 1991 wurden, ausgenommen während der Wintermonate, in Westeregeln mit überalterter Technik und hohem Anteil manueller Arbeit jährlich etwa 3,2 Millionen Ziegel im so genannten Normalformat produziert; bis dahin wurde hier auch Gips gebrochen und bearbeitet.
Der Ton für die Ziegelherstellung stammte aus der angrenzenden Tongrube. Heute sind auf dem 7,2 Hektar großen Gelände – gemäß den „blühenden Landschaften“ des Dr. Helmut Kohl – sowohl Grube als auch Gipsbruch wertvolle Geotope und Feuchtbiotope. Neben vielfältiger Flora und Fauna sind in Westeregeln auch geologische Besonderheiten des Staßfurt-Egelner-Oscherslebener Salzsattels zu betrachten – ein Umstand, der die Fachhochschule Bielefeld und ihren Fachbereich Gestaltung, die Universität Halle an der Saale, die Hochschule für industrielle Formgestaltung und Design Burg Giebichenstein, die Technische Universität Berlin und andere mehr zum Kooperationspartner gemacht hat.

Die vorhandenen Zeugnisse des industriekulturellen Lebens und Arbeitens und die technischen Besonderheiten der Alten Ziegelei Westeregeln sollen für künftige Generationen erhalten bleiben!